Juddeturm: Unterschied zwischen den Versionen

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Der '''Juddeturm''' ist ein kreisrunder, wehrhafter Turm in Zons, der den nordwestlichen Eckpunkt der inneren Befestigung der [[Burg Friedestrom]] gegen die Stadt bildet. Er gilt aufgrund seiner hochgotischen Formensprache und seiner prägnanten Silhouette als eines der architektonisch bedeutendsten Bauwerke der Stadtbefestigung.


== Geschichte und Namensgebung ==
Der Turm wurde Ende des 14. Jahrhunderts im Auftrag des Kölner Erzbischofs [[Friedrich von Saarwerden]] im Zuge der Errichtung der Zollfeste und der Stadtanlage erbaut. In historischen Dokumenten finden sich Bezeichnungen wie "Joidentorn" (1469/70).
Die Herkunft des Namens ist nicht abschließend geklärt. Nach einer lokale Sage soll der Name darauf zurückzuführen sein, dass der erste im Turm Inhaftierte ein Jude gewesen wäre. Dafür finden sich jedoch keinerlei Belege. In der Forschung wird ein Zusammenhang mit der wohlhabenden regionalen Patrizierfamilie Judde angenommen. Die Familie Judde trat als Finanziers der Erzbischöfe auf und besaß zeitweise das [[Haus Bürgel]]. Ein Hinweis auf die lokale Verankerung der Familie ist die Grabplatte der Mechthilde Judde († 1518), die ursprünglich in der [[Pfarrkirche St. Martinus (alte)|alten Pfarrkirche]] lag und heute am Fuße des Turms angebracht ist.
== Architektur ==
Der Turm weist eine Gesamthöhe von 35,95 m auf. Sein Mauerwerk besteht im unteren Bereich aus wechselnden Schichten von Basaltquadern und Tuffstein, während im oberen Teil Backstein dominiert. Die Mauerstärke im Erdgeschoss beträgt etwa 2,10 m bis 2,50 m und verringert sich im ersten Obergeschoss auf etwa 1,60 m.
Der Innenraum ist in sechs Stockwerke gegliedert: Mit einem gemauerten Kuppelgewölbe schließt das fensterlose Erdgeschoss ab, welches ehemals als Gefängnis diente. Sechseckig angelegt sind die darüber liegenden Geschosse. Sie besitzen teilweise Kamine mit Trachytwangen, was auf eine Nutzung als beheizbare Wachräume und eine gewisse Repräsentationsfunktion hindeutet. Die Erschließung der unteren drei Stockwerke erfolgt über eine enge Wendeltreppe aus Trachytstufen, die in einem seitlich angebauten, fünfseitigen Treppentürmchen untergebracht ist, während die obersten Stockwerke nur über Leitern zugänglich sind.
Den Abschluss bildet ein umlaufender Wehrgang auf Kragsteinen mit nasenbesetzten Spitzbögen, von denen vier als Gusslöcher ausgebildet sind. Das ursprüngliche Dach war vermutlich ein flaches Pyramidendach oder eine kurze spitze Haube. In der Barockzeit (um 1600) erhielt der Turm seinen charakteristischen geschweiften Schieferhelm mit einer achtseitigen geschlossenen Laterne und einer Wetterfahne. Beim [[Stadtbrand 1620]] wurde das Dach vollständig zerstört. Bis 1625 erfolgte die Wiederherstellung in der vorherigen Form.
== Funktion und Kriminalgeschichte ==
Der Juddeturm erfüllte als "Specula, Schantz und Refugium" der Stadt mehrere Funktionen. Er diente als Wachturm, Beobachtungsposten, Vorratsspeicher und gesichertes Verlies.
In das 7 m (nach anderen Quellen 11 m) tiefe, absolut dunkle Verlies im Turmfundament wurden Schwerverbrecher durch eine Bodenluke im ersten Obergeschoss mittels einer Seilwinde hinabgelassen. Im ersten Obergeschoss finden sich noch heute Ritzzeichnungen (Graffiti) mindestens eines ehemaligen Inhaftierten aus dem beginnenden 18. Jahrhundert.
Ein überlieferter Vorfall ereignete sich im Frühjahr 1792: Einem wegen Einbruchs inhaftierten Dieb gelang nach vier Wochen Haft die Flucht aus dem Verlies, indem er aus seinem Strohlager ein Seil fertigte. Er suchte und fand Asyl im unmittelbar benachbarten [[Franziskanerkloster]].
== Erhaltungsmaßnahmen ==
Das Turmdach wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erneuert und instandgesetzt, so unter anderem 1620/25 nach dem Stadtbrand, 1888 und 1939. Bei einer Restaurierung im Jahr 1939 wurden der Kamin entfernt und neue Fenster unter der Turmspitze geschaffen. Im Rahmen des Konjunkturpakets II erfolgte 2010/11 eine Sanierung durch den Rhein-Kreis Neuss, bei der auch das zuvor dachlose Wächterhäuschen am Turmfuß rekonstruiert wurde.
Aufgrund des kritischen Zustands der hölzernen Innentreppen ist eine Besichtigung für die Öffentlichkeit nur zu besonderen Anlässen wie dem "Tag des offenen Denkmals" im September möglich.
== Quellen und Literatur ==
* Aenne Hansmann: Geschichte von Stadt und Amt Zons. Düsseldorf 1973
* Paul Clemen: Die Kunstdenkmäler des Kreises Neuss. Düsseldorf 1895
* Stephen Schröder / Thomas Schwabach (Red.): Zons. Neue Erkenntnisse zur Geschichte einer alten Stadt. Sankt Augustin 2023
* Marion Roehmer: Burg Friedestrom in Zons. Mittelalterliche Keramik und Baubefunde einer rheinischen Zollfestung. Köln 1998
* Thomas Schwabach (Hrsg.): Die Schwieren-Chroniken (1733–1823). Neuss 2005
[[Kategorie:Denkmalpflege]]
[[Kategorie:Denkmäler]]
[[Kategorie:Türme]]
[[Kategorie:Stadtbefestigung]]

Aktuelle Version vom 21. Mai 2026, 11:10 Uhr

Der Juddeturm ist ein kreisrunder, wehrhafter Turm in Zons, der den nordwestlichen Eckpunkt der inneren Befestigung der Burg Friedestrom gegen die Stadt bildet. Er gilt aufgrund seiner hochgotischen Formensprache und seiner prägnanten Silhouette als eines der architektonisch bedeutendsten Bauwerke der Stadtbefestigung.

Geschichte und Namensgebung

Der Turm wurde Ende des 14. Jahrhunderts im Auftrag des Kölner Erzbischofs Friedrich von Saarwerden im Zuge der Errichtung der Zollfeste und der Stadtanlage erbaut. In historischen Dokumenten finden sich Bezeichnungen wie "Joidentorn" (1469/70).

Die Herkunft des Namens ist nicht abschließend geklärt. Nach einer lokale Sage soll der Name darauf zurückzuführen sein, dass der erste im Turm Inhaftierte ein Jude gewesen wäre. Dafür finden sich jedoch keinerlei Belege. In der Forschung wird ein Zusammenhang mit der wohlhabenden regionalen Patrizierfamilie Judde angenommen. Die Familie Judde trat als Finanziers der Erzbischöfe auf und besaß zeitweise das Haus Bürgel. Ein Hinweis auf die lokale Verankerung der Familie ist die Grabplatte der Mechthilde Judde († 1518), die ursprünglich in der alten Pfarrkirche lag und heute am Fuße des Turms angebracht ist.

Architektur

Der Turm weist eine Gesamthöhe von 35,95 m auf. Sein Mauerwerk besteht im unteren Bereich aus wechselnden Schichten von Basaltquadern und Tuffstein, während im oberen Teil Backstein dominiert. Die Mauerstärke im Erdgeschoss beträgt etwa 2,10 m bis 2,50 m und verringert sich im ersten Obergeschoss auf etwa 1,60 m.

Der Innenraum ist in sechs Stockwerke gegliedert: Mit einem gemauerten Kuppelgewölbe schließt das fensterlose Erdgeschoss ab, welches ehemals als Gefängnis diente. Sechseckig angelegt sind die darüber liegenden Geschosse. Sie besitzen teilweise Kamine mit Trachytwangen, was auf eine Nutzung als beheizbare Wachräume und eine gewisse Repräsentationsfunktion hindeutet. Die Erschließung der unteren drei Stockwerke erfolgt über eine enge Wendeltreppe aus Trachytstufen, die in einem seitlich angebauten, fünfseitigen Treppentürmchen untergebracht ist, während die obersten Stockwerke nur über Leitern zugänglich sind.

Den Abschluss bildet ein umlaufender Wehrgang auf Kragsteinen mit nasenbesetzten Spitzbögen, von denen vier als Gusslöcher ausgebildet sind. Das ursprüngliche Dach war vermutlich ein flaches Pyramidendach oder eine kurze spitze Haube. In der Barockzeit (um 1600) erhielt der Turm seinen charakteristischen geschweiften Schieferhelm mit einer achtseitigen geschlossenen Laterne und einer Wetterfahne. Beim Stadtbrand 1620 wurde das Dach vollständig zerstört. Bis 1625 erfolgte die Wiederherstellung in der vorherigen Form.

Funktion und Kriminalgeschichte

Der Juddeturm erfüllte als "Specula, Schantz und Refugium" der Stadt mehrere Funktionen. Er diente als Wachturm, Beobachtungsposten, Vorratsspeicher und gesichertes Verlies.

In das 7 m (nach anderen Quellen 11 m) tiefe, absolut dunkle Verlies im Turmfundament wurden Schwerverbrecher durch eine Bodenluke im ersten Obergeschoss mittels einer Seilwinde hinabgelassen. Im ersten Obergeschoss finden sich noch heute Ritzzeichnungen (Graffiti) mindestens eines ehemaligen Inhaftierten aus dem beginnenden 18. Jahrhundert. Ein überlieferter Vorfall ereignete sich im Frühjahr 1792: Einem wegen Einbruchs inhaftierten Dieb gelang nach vier Wochen Haft die Flucht aus dem Verlies, indem er aus seinem Strohlager ein Seil fertigte. Er suchte und fand Asyl im unmittelbar benachbarten Franziskanerkloster.

Erhaltungsmaßnahmen

Das Turmdach wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erneuert und instandgesetzt, so unter anderem 1620/25 nach dem Stadtbrand, 1888 und 1939. Bei einer Restaurierung im Jahr 1939 wurden der Kamin entfernt und neue Fenster unter der Turmspitze geschaffen. Im Rahmen des Konjunkturpakets II erfolgte 2010/11 eine Sanierung durch den Rhein-Kreis Neuss, bei der auch das zuvor dachlose Wächterhäuschen am Turmfuß rekonstruiert wurde.

Aufgrund des kritischen Zustands der hölzernen Innentreppen ist eine Besichtigung für die Öffentlichkeit nur zu besonderen Anlässen wie dem "Tag des offenen Denkmals" im September möglich.

Quellen und Literatur

  • Aenne Hansmann: Geschichte von Stadt und Amt Zons. Düsseldorf 1973
  • Paul Clemen: Die Kunstdenkmäler des Kreises Neuss. Düsseldorf 1895
  • Stephen Schröder / Thomas Schwabach (Red.): Zons. Neue Erkenntnisse zur Geschichte einer alten Stadt. Sankt Augustin 2023
  • Marion Roehmer: Burg Friedestrom in Zons. Mittelalterliche Keramik und Baubefunde einer rheinischen Zollfestung. Köln 1998
  • Thomas Schwabach (Hrsg.): Die Schwieren-Chroniken (1733–1823). Neuss 2005