Zu den archäologischen Untersuchungen in Burg Friedestrom in Zons

Roehmer, Marion: Burg Friedestrom in Zons. Mittelalterliche Keramik und Baubefunde einer rheinischen Zollfestung. Mit Beiträgen von Barbara Hollack, Manfred Kunter u. Frank Siegmund (= Rheinische Ausgrabungen, Bd. 42), Köln 1998.

1998 erschien als Band 42 in der Reihe „Rheinische Ausgrabungen“ eine umfassende Auswertung der archäologischen Untersuchungen, die das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege in drei Grabungskampagnen zwischen 1980 und 1988 im inneren Bereich der Burg Friedestrom durchführte. Enthalten sind zwei kleinere Beiträge von Frank Siegmund und Barbara Hollack/ Manfred Kunter. Der Band umfasst 329 Seiten, enthält 48 Tafeln im Anhang sowie 7 Beilagen.

Der Rhein-Kreis Neuss übernahm 1972 die Anlage der Burg Friedestrom in Erbpacht. Im Zuge der Sanierungsarbeiten für die Einrichtung eines Kulturzentrums – heute befindet sich dort das Kreisarchiv und das Internationale Mundartarchiv Ludwig Soumagne – fanden archäologischen Untersuchungen in den 1980er Jahren statt, die mittelalterliche und neuzeitliche Baubefunde erbrachten. Die weit überwiegend keramischen Funde wurden über drei Jahre von der Archäologin Dr. Marion Roehmer ausgewertet. Ein Teil der Funde bildet den Grundstock einer ständigen archäologischen Ausstellung im Zonser Kreismuseum.


Abb. 1: Ein Teil der Gefäßfundstücke (Siegburger Machart) bei einer
Präsentation [Foto: Hermann Kienle, 24.03.1994].

Die Grabungen, die im Hof der inneren Burg und im Bereich des Westflügels durchgeführt wurden, erbrachten wesentliche Erkenntnisse zur Baugeschichte der Burg Friedestrom, der Vorgängerbauten, aber auch der späteren Nutzung bis ins 20. Jahrhundert. Insbesondere die Zeit vor der Stadtgründung 1373 lag bis dahin aufgrund fehlender Schriftquellen weitgehend im Dunkeln. Die Funde und Befunde deuten darauf hin, dass sich an dieser Stelle der seit dem 11. Jahrhundert urkundlich belegte erzbischöfliche Fronhof befand. Da Holzfunde, Münzen o.ä. für eine absolute Datierung der Befunde nicht vorliegen, stützt sich die Auswertung weitgehend auf die Keramik. Trotz der Problematik dieser Fundgattung – z.B. unterschiedliche Laufzeit einzelner Gefäßtypen – ergibt sich hieraus eine befriedigende absolut-chronologische Einordnung der einzelnen Bauphasen. Die hierzu notwendige eingehende Charakterisierung und Zuordnung der keramischen Warenarten (jeweils im Befundzusammenhang) gibt Aufschluss über die jeweiligen Produktionsorte und Handelswege.

Im Grabungsareal konnte ein Kirchenbau in seinen verschiedenen Bauphasen untersucht werden. Ein ursprünglicher Holzbau von 6,3 m Länge und ca. 4,7 m Breite im Innenmaß wird unter Vorbehalt in die Mitte bzw. zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts datiert. Holzkohlenreste deuten darauf hin, dass diese Kirche zu Beginn des 10. Jahrhunderts abgebrannt ist. Bemerkenswert ist ein darin aufgefundenes Depot, bestehend aus Waffen und einer Gürtelgarnitur aus Metall. Diese merowingerzeitlichen Funde werden in dem Beitrag von Frank Siegmund genauer untersucht. Demnach stammen sie aus einem Männergrab der Zeit zwischen 640 und 670. Er hält daher und aufgrund weiterer allgemeiner Erkenntnisse ein noch unbekanntes merowingerzeitliches Gräberfeld und eine entsprechende Siedlung in Zons für wahrscheinlich. Da dieses Depot möglicherweise den Unterbau für einen Altar bildete, wagt Roehmer die Vermutung, dass es sich um „Martinus-Reliquien“ (Kirchenpatron) zur Hebung der Bedeutung der geweihten Kirche handeln könnte. Nach dem Brand der Kirche wurden die Überreste derselben abgetragen.


Abb. 2: Aufgedeckte Kirchenbauten im Burgbereich Zons
[Foto: Hermann Kienle, 29.09.1981].

Anschließend wurde zu Beginn des 10. Jahrhunderts an gleicher Stelle ein neuer hölzerner Kirchenbau mit ähnlichen Ausmaßen errichtet, der jedoch möglicherweise nicht fertiggestellt worden ist. Jedenfalls hat diese Kirche – es handelte sich um eine Schwellbalkenkirche mit verputzten Holzwänden – nur kurz bestanden. Als Nachfolgebau konnte eine steinerne Kirche von 5 m Breite und knapp 15 m Länge nachgewiesen werden, an die später ein Seitenschiff mit halbrunder Apsis angesetzt wurde. Dieser Steinbau entstand vermutlich noch in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Nach erheblichem Feuerschaden wurde die Kirche mit Ausnahme des Seitenschiffs zu Beginn des 13. Jahrhunderts abgebrochen. Es konnte nachgewiesen werden, dass diese Kirche zumindest teilweise im Innenraum farbig ausgemalt war. Hierauf folgte der Bau einer zweiten Steinkirche, an die zu Beginn des 14. Jahrhunderts ein Turm mit Wendeltreppe angesetzt wurde. Es fanden weitere An- und Umbauten statt. Weit im 14. Jahrhundert wurde die Steinkirche bis auf den Turm abgebrochen. Nach den Schriftquellen erfolgte dieser Abbruch zwischen dem Baubeginn für die erzbischöflische Zollfestung 1373 und der Weihe der neuen, in die Stadt verlegten Kirche 1408.

Der alte Kirchturm, der zwei oder drei Stockwerke und wohl einstöckige Vorbauten hatte, wurde in der folgenden Zeit vermutlich zum Wohnturm umfunktioniert. Es folgten der Bau des Torturms, der inneren und anschließend der äußeren Wehrmauer. Als weitere bedeutende Baumaßnahme wird der Bau eines Wohnhauses nördlich des Torturms (Westflügel) mit nahe gelegener Latrine zu Beginn des 15. Jahrhunderts genannt. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Westflügel um das Wohnhaus des Erzbischofs, die eigentliche Hofhaltung. Nahe dem Kirchturm konnte ein Brunnen entdeckt werden. Der Bau des Nordflügels geschah vermutlich Anfang des 16. Jahrhunderts. Über die Funde und Befunde lässt sich die Entwicklung von „provisorischen Bauten“ der Gründungsphase 1373 über die Blütezeit der Burg mit durchgeplantem, repräsentativem Charakter im 15. und frühen 16. Jahrhundert bis zum Niedergang im späteren 16. und beginnenden 17. Jahrhundert nachzeichnen. In dieser letzten Phase übernahmen die Gebäude der Vorburg die Aufgaben der älteren Räumlichkeiten für die Verwaltung. Zwischen 1650 und der Mitte des 18. Jahrhunderts folgte der Abbruch des Kirchturms und des östlichen Anbaus sowie möglicherweise auch des Westflügels. Mindestens bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Areal zum Gutshof umfunktioniert. Die Funde deuten auf einen bürgerlichen Haushalt von gehobenerer Stellung und beachtlichem Wohlstand hin.


Abb. 3: Latrinenbau (Befundsituation). Er ist heute im Kellergeschoss des Kreisarchivs
zu besichtigen. [Foto: Hermann Kienle, 11.1987]

Die Grabungen erbrachten menschliche Skelettreste von Bestattungen, die sich insgesamt 261 Individuen zuordnen ließen. Diese werden in dem anthropologischen Beitrag von Hollack/ Kunter eingehend untersucht. Aufgrund der räumlichen Verteilung im Areal ergaben sich zwei Bestattungszeiträume, denen sich die Überreste zum größten Teil zuordnen ließen: 9.-13. und 13.-14. Jahrhundert. Es handelt sich um 85 Männer und 57 Frauen. Bei 71 Individuen bleibt die Geschlechtszugehörigkeit unbestimmt. In beiden Gruppen macht sich ein deutlicher Männerüberschuss bemerkbar. Aufgrund ähnlicher Körpermerkmale ist davon auszugehen, dass es sich bei den Bestatteten der zweiten Phase im Wesentlichen um Nachkommen derer der ersten Phase handelt. Daher ist von einer großen Kontinuität einer bestimmten Gruppe von Individuen vom 8./ 9. bis zum 14. Jahrhundert auszugehen. Ferner konnten Familienbestattungen nachgewiesen werden. Diese Beobachtung spricht mit weiteren Indizien für die Annahme des Fronhofes an dieser Stelle. Die Bestatteten weisen durchschnittlich ein ungewöhnlich hohes Alter auf; so wurde die Hälfte der Männer 60 und älter, die Hälfte der Frauen 40-60 (höheres Risiko im gebärfähigen Alter). Es fanden sich nur wenige Kinder: Mit 18% liegt der Anteil der 0-13jährigen weit unter dem mittelalterlichen Durchschnitt. An Krankheiten konnten überwiegend altersbedingte Erkrankungen und Verschleiß wie Gelenkarthrosen festgestellt werden. Sehr häufig fanden sich Veränderungen an den Wirbeln. Bei zwei Individuen ließen sich Verletzungen durch Gewalteinwirkung feststellen. Diese führten jedoch nicht zum Tod. Die anthropologischen Beobachtungen sprechen insgesamt für eine sozial höher stehende Schicht. Es handelte sich bei den Bestatteten mit größter Wahrscheinlichkeit um Nachkommen frühmittelalterlicher fränkischer Gruppen.


Abb. 4: Ein Teil der menschlichen Bestattungen
[Foto: Hermann Kienle, 30.11.1987].

Abb. 5: Menschliche Schädel (Befundsituation)
[Foto: Hermann Kienle, 29.07.1981]

Bedauerlicherweise berücksichtigt die Auswertung nicht die bereits 1994 von Peter Conrad Schneider in Form einer Inaugural-Dissertation (Gießen) vorgelegten Untersuchungsergebnisse zu den Zahn- und Kieferbefunden an den menschlichen Skelettresten.

[Text von Thomas Schwabach, erschienen unter dem Titel „Marion Roehmer Burg Friedestrom in Zons’. Skelette schließen auf einen Männerüberschuß“ [sic.; so von der Redaktion gesetzt], in: Heimatland, Beilage zur Neuß-Grevenbroicher Zeitung, Nr. 65, 1998, S. 4-5.]