Der Raum Zons, Bürgel und Dormagen in Römischer Zeit – mit Ausblick „Bürgel in Mittelalter und Neuzeit“

von Jost Auler

Römerzeitliche Funde und Befunde aus Zons

Als frühester Hinweis auf die Anwesenheit der Römer im Raum um Dormagen gilt ein Urnenfriedhof aus tiberischer Zeit aus Zons an der ehemaligen Steinstraße, der heutigen Deichstraße. Dieses Gräberfeld ist bereits seit mindestens 1855 bekannt, wie aus einer Veröffentlichung aus diesem Jahr hervorgeht. [1] 1902 wurden hier erneut einige Urnengräber mit Knochenresten, Armspangen und Bronzefibeln entdeckt, allerdings nicht näher wissenschaftlich untersucht. 24 Jahre später, im Jahre 1926, stießen Bauarbeiter bei Ausschachtungsarbeiten an der Steinstraße 14 auf weitere Gräber. Sie meldeten ihre Entdeckung dem damaligen Zonser Lehrer, der dies in der Schulchronik festhielt.

 


Abb. 1: Zons: Bauarbeiter mit römischer Urne, 1926
[Fotosammlung Thomas Schwabach].

Der Zonser Bürgermeister informierte daraufhin das Bonner Provinzialmuseum, das heutige Rheinische Landesmuseum. Auf Bitten dieses Ausstellungshauses nahm sich einer der damals bekanntesten deutschen Archäologen vor Ort, Dr. Constantin Koenen aus Neuss, der Angelegenheit an und meldete die Funde, die er in augusteische und tiberische Zeit datierte und einer noch unbekannten militärischen Siedlung zuordnete, dem Provinzialmuseum.

Die Gefäße von 1926 gelangten – zumindest teilweise – in das von Lehrer Heinrich Riffel 1931 eingerichtete und heute nicht mehr existierende „Heimatmuseum“ im Zonser Rheinturm; wenige dieser Altfunde werden heute im Magazin des Stadtarchivs Dormagen aufbewahrt.

Als 1988 Baupläne für das ausgedehnte Eckgrundstück an der Parkstraße vor den Toren der Zonser Altstadt („Mellisch Jaade“) bekannt wurden, wurde – angeregt durch zwei Publikationen zu diesen Altfunden [2] – eine planmäßige und großflächige archäologische Untersuchung für das Folgejahr geplant. Im Frühjahr 1989 legte das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege als zuständiges Fachamt im Landschaftverband Rheinland (LVR) unter der wissenschaftlichen Leitung von Michael Gechter weite Teile des Urnengräberfeldes frei. Das Areal mit den ergrabenen Bestattungsstellen wurde vermessen und dokumentiert und die Urnen nebst zugehörigen Beigaben geborgen.

Insgesamt wurden 43 Brandgräber aus der 1. Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts ausgegraben. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um gedeckelte Urnenbestattungen. [3] So war etwa die mit Knochenbrand gefüllte Urne der Grabstelle 17 mit einem Ziegelbruchstück bedeckt. Bemerkenswert ist sicher auch Befund 7: Unmittelbar bei der Urne dieses Grabes mit dem Leichenbrand fanden sich mehrere kleine flaschenförmige Gefäße aus Glas und rotem Ton. Neben diesen Urnenbestattungen liegt – als einzige Ausnahme dieser Grabungskampagne – ein Ziegelplattengrab vor.


Abb. 2: Bei der Zonser Grabungskampagne 1989 entdeckte römische Urne.
[Foto: Thomas Schwabach, 07.05.1989]

Die Machart der Keramik schließt ein einheimisches Gräberfeld aus und deutet zweifelsohne auf das einer militärischen Ansiedlung einer entsprechenden Einheit zwischen 10 und 40 nach Christus hin. Diese lag an der römischen Straße (Steinstraße) und könnte – so wurde vorgeschlagen – in Verlängerung dieser Verbindung im Bereich „Grüner Weg“ zu suchen sein. Eine solche Ansiedlung ist aber bis heute in Zons nicht bekannt, und offenbar datiert sie älter als das Hilfstruppenlager in DVRNOMAGVS/Dormagen und die dortige Militärziegelei (s. u.). Es bleibt zu überlegen, ob das Holz-Erde-Lager mittlerweile überbaut ist oder durch Verlagerungen des Rheinstroms abgetragen wurde.

Jedenfalls zeigen die ergrabenen Befunde, dass im Raum um Zons im 1. Jahrhundert nach Christus mehr militärische Aktionen stattgefunden haben als bislang vermutet. An den fast 2000 Jahre alten Urnenfriedhof vor den Toren der spätmittelalterlichen Zonser Altstadt erinnert heute nur noch die Neubausiedlung „Am Römerfeld“.

Das römische Dormagen [4] und sein Vicus

Eine Militärziegelei der legio I (um 50 n. Chr.) ist aus dem Freibadareal (Bayer-Chemiepark) im Süden von Dormagen belegt; so wurden hier mehrere Öfen und ein Trockenschuppen ergraben. Das zugehörige Lager wird unter dem späteren Kavallerielager angenommen.

In domitianischer Zeit wurde das Lager Dormagen in Holz-Erde-Bauweise mit Kasernen und Stallbauten für eine Reitereinheit eingerichtet. Der militärische Stützpunkt Dormagen lag nördlich von Köln, der Hauptstadt der Provinz Niedergermaniens, am niedergermanischen Rheinlimes. Um die Mitte des 2. Jahrhunderts wurde das Kastell in Stein erneuert; der Mauer war ein Doppelgrabensystem vorgelagert. An den Ausfallstraßen des Lagers existierte eine zivile Siedlung, der vicus. Als Besatzung des Lagers ist seit Erbauung die ala Noricorum aus Niederösterreich belegt, eine 500 Mann starke Reitereinheit. Zahlreiche Bauernhöfe, villae rusticae, im unmittelbaren Umland – beispielsweise auf der Flur Taubenacker am Grenzweg zwischen Zons und Stürzelberg aus dem 2. Jahrhundert – versorgten die Dormagener Soldaten mit Nahrungsmitteln; ihnen diente der vicus als zentraler Ort. Die genannte Einheit stand in Dormagen bis zum Jahre 161; zu dieser Zeit zog sie in den Partherkrieg. Kurz danach brannte das Lager nieder, bestand aber als Ruine weiter.

Wegen drohender Frankeneinfälle zogen sich die Bewohner des vicus einhundert Jahre später in den noch bestehenden Mauerbering des Kastells zurück. Anfang des 4. Jahrhunderts wurde dann im Nordosten der Anlage ein Kleinkastell errichtet. Eine Milizenbesatzung kann dort bis in die Mitte des 5. Jahrhunderts angenommen werden. Diese Milizen verteidigten den Grenzposten DVRNOMAGVS in seinen letzten Jahren gegen die aus dem rechtsrheinischen Raum vordringenden Germanen.

Das römische und jüngere Bürgel [5]

Haus Bürgel, östlich von Zons, war bis in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts (1374) linksrheinisch gelegen. Zu der Zeit, als die oben genannte Reitereinheit in Dormagen lag, bestand bei Bürgel schon eine nicht näher bekannte Kleinbefestigung. Dieses Zwischenkastell – vielleicht zeitgleich mit der Errichtung des Kavallerielagers in Dormagen installiert – war wohl mit 40 Soldaten, die sich aus einer romanisierten Mischbevölkerung rekrutierten, belegt. Das Lager bestand aus einem Holzbau mit entsprechenden Unterkünften. Die Frauen und Kinder der Soldaten siedelten sich in unmittelbarer Nähe des Militärlagers an. Zu diesem Ensemble des 1. bis 3. Jahrhunderts gehört ein Gräberfeld im Osten des Kastells. Es konnten hier rund 90 Brandgräber freigelegt werden; die Nekropole dürfte aber deutlich umfangreicher sein. Sie ist zeitlich bis in die 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts belegt.

Zu Beginn des vierten Jahrhunderts, als die Reichsgrenzen unsicher geworden waren und Kaiser Konstantin I. neue Befestigungen errichten ließ, wurde dort dann ein spätrömisches Kastell (64 m x 64 m), ein ‚castellum’, erbaut. Verwendung fanden dabei Steine, die in den Tuffbrüchen des Brohltals gewonnen wurden, und auch Spolien aus Dormagen. Dieser mächtigen, turmbewehrten Festung waren eine breite Berme sowie zwei Gräben vorgelagert. Bei den 12 Türmen handelt es sich um Rundtürme, die zu Zweidritteln aus der Wehrmauer nach außen hervorragten und innen hohl waren; die Ecktürme waren größer ausgelegt. An der West- und an der Ostseite befanden sich rechteckige Tortürme, die zur Limesstraße und zum Hafen hin orientiert waren. Die Spätzeit dieser Anlage datiert in das frühe 5. Jahrhundert. Die Militärs dieses Kleinkastells, etwa 150 Grenzsoldaten, lebten mit ihren Frauen und Kindern innerhalb der Festung. Hier wurden Wirtschafts- und Lagerräume, Speicher, Werkstätten und ein Bad mit Kalt- und Warmwasserbecken inklusive Fußbodenheizung nachgewiesen. Der Innenhof des Kastells war allerdings nicht bebaut. In jenen Jahren hielten bereits angeworbene Germanen aus dem Gebiet zwischen Rhein und Elbe im Auftrag Roms die letzte Wacht am Rhein, hier in Bürgel ebenso wie im spätantiken Kastell Durnomagus. Als das Imperium dann in den Stürmen der Völkerwanderung endgültig zerbrach, ging auch die Bürgeler Anlage in Flammen auf; dies geschah irgendwann vor der Mitte des 5. Jahrhunderts.

Die weitere Entwicklung: Bürgel in Mittelalter und Neuzeit

Die soliden Mauern von Bürgel wurden aber auch noch nach diesem verheerenden Schadfeuer genutzt. In fränkischer Zeit (frühes 8. Jahrhundert) – Bürgel war vermutlich ein königliches Gut – wurde die Anlage weiterhin als Festung genutzt. Wahrscheinlich schon in karolingischer Zeit wurde der Hof entfestigt, d.h. die Tortürme wurden abgebrochen. Zumindest Teile der übrigen Türme blieben bis mindestens ins 16. Jahrhundert ruinös erhalten.


Abb. 3: Haus Bürgel, Ansicht von Nordosten 1892
[aus: Paul Clemen, Die Kunstdenkmäler der
Rheinprovinz, Bd. 3.2, Düsseldorf 1894].

Um 1000 taucht dann der heutige Name castrum in burgila urkundlich auf. Zu dieser Zeit präsentierte sich die Anlage als Burg mit zugehörigem Gutshof; das genaue Aussehen der fortifikatorischen Anlage ist nicht bekannt. Aus dem Mittelalter ist heute nur noch der Turm, der Bergfried aus dem 14. Jahrhundert, erhalten. Für das Jahr 1147 ist erstmals urkundlich eine Hofkapelle St. Maternus belegt. Sie besaß Pfarrrechte und war die Mutterkirche von St. Martinus in Zons. Diese Pfarreigenschaft verlor die Kapelle auch dann nicht, als Zons zur Stadt erhoben wurde und Bürgel durch den Rheinmäanderhals-Durchbruch [6] auf die rechte Rheinseite geraten war. Erst 1593 wurde die bereits 1408 geweihte Martinskapelle innerhalb der Zons Stadtmauern zur selbstständigen Pfarrkirche erhoben. Der Bürgeler Bau blieb als Kapelle weiter bestehen, wurde dann aber 1916 abgerissen. Einige zugehörige Gräber des Kirchhofs konnten archäologisch untersucht werden.

Seit dem späten Mittelalter war Bürgel ein unbefestigter Gutshof im bergischen Amt Monheim, [7] der zuerst zum Kloster Deutz, später zur Abtei Brauweiler gehörte. Ab 1798 war Bürgel im Besitz der Grafen von Nesselrode. In der Barockzeit erfuhr Haus Bürgel seinen baulichen Wandel zu einem landwirtschaftlich genutzten Vierkant-Gutshof; die römischen Wachtürme wurden niedergelegt. [8] Die heute noch existierende Bausubstanz stammt überwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert, so auch das Herrenhaus aus dem Jahre 1848.


Abb. 4: Haus Bürgel, Grundriss und Maternuskapelle 1892
[aus: Paul Clemen, Die Kunstdenkmäler der
Rheinprovinz, Bd. 3.2, Düsseldorf 1894].

Haus Bürgel, in der ausklingenden Antike Teil der römischen Grenzbefestigungslinie links des Rheinstroms, also damals noch im römischen Germanien gelegen, präsentiert sich heute als neuzeitlicher Gutshof – als geschlossene Vierflügel-Anlage mit Scheunen, Ställen und Herrenhaus, wie sie für die Region typisch ist. Seit 2004 beherbergt das Bau- und Bodendenkmal Gut Bürgel unter anderem ein archäologisches Museum. Die Ausstellung thematisiert die Geschichte von Haus Bürgel und somit auch die historischen Verbindungen nach Zons und Dormagen. Ferner beherbergt das Bauensemble eine biologische Station. [9]

Kastell Haus Bürgel stellt ein sowohl ober- als auch untertägiges Denkmal von hohem Rang für die Geschichte des Niederrheins dar – ein Ensemble, das heute mit seinem kleinen Ausstellungshaus einen Teil dieser Vergangenheit dem historisch interessierten Besucher mittels eingängiger Erläuterungen und anschaulicher Exponate nahe bringt. Seit der Überführung von Haus Bürgel mit ca. 150 Hektar der umgebenden Auenlandschaft in öffentlichen Besitz (1989) ist das Anwesen als archäologisches Reservat für spätere Generationen geschützt.



[1] A. Rein, Haus Bürgel, das Römische Burungum nach Lage, Namen und Alterthümern, Krefeld 1855.

[2] J. Auler, Das römische Urnengräberfeld von Zons, Kreis Neuss, in: Blätter zur Geschichte von Zons und Stürzelberg 2, 1984, S. 6-17.; ders. Ein frühkaiserzeitliches Gräberfeld in Zons, Kreis Neuss, in: Archäologische Informationen 2, 1986, S. 137-143.

[3] Vor der Christianisierung des römischen Reiches und den dann einsetzenden beigabenlosen Bestattungen verbrannten die Römer die Verstorbenen vor der Beisetzung. Unter den provinzialrömischen Brandgräbern werden mehrere Typen unterschieden. So enthält ein Urnengrab („ustrinatum“) unter anderem einen Behälter, nämlich die Urne, mit den von Erde, Asche und Holzkohle gereinigten restlichen Knochenteilen des verbrannten Leichnams und gegebenenfalls Beigaben. Ähnlich sieht ein Brandschüttungsgrab aus, nur dass hier die Scheiterhaufenreste mit ins Grab gelangten. Das Brandgrubengrab ist eine urnenlose Bestattung in Grubenform; es enthält neben dem Leichenbrand und den Beigaben auch Kohle- und Aschereste des Scheiterhaufens. Bei einem „bustum“ schließlich sind der Ort der Verbrennung und der Ort der Bestattung identisch; demzufolge finden sich im Grabungsbefund Reste der Knochen und des Scheiterhaufens, der persönlichen Ausstattung des/der Verstorbenen sowie die Grabbeigaben.

[4] M. Gechter, Das spätantike Kastell Dormagen, in: Archäologie im Rheinland 1997 (1998), S. 93-94; ders., Der römische Truppenstandort Durnomagus in der Germania Inferior, in: Belgian Archaeology in a European Setting I. (= Acta Archaeologica Lovaniensia Monographiae 12), Leuven 2001, S. 31-40; M. Kaiser, Römische Straßen zwischen den Militärlagern Neuss und Dormagen, in: Blätter zur Geschichte von Zons und Stürzelberg 10, 2005, S. 32-40; G. Müller, Ausgrabungen in Dormagen 1963-1977 (= Rheinische Ausgrabungen 20), Köln/Bonn 1979.

[5] B. Beyer, Fortuna te adiuvet, in: Archäologie im Rheinland 2003 (2004), S. 83-84; Th. Fischer, Spätantiker Wehrbau – vorzüglich erhalten, in: Archäologie in Deutschland 2, 1998, S. 6-11; ders. Die Römer in Deutschland. Stuttgart 1999, S. 145-150; ders., Neue Forschungen im spätrömischen Kastell „Haus Bürgel“, in: Fundort Nordrhein-Westfalen. Millionen Jahre Geschichte, Mainz 2000, S. 261-263; ders. (Hg.), Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie, Stuttgart 2001; M. Gechter, Neufunde aus Haus Bürgel, in: Archäologie im Rheinland 2003 (2004), S. 81-83; W. Haberey, Kastell Haus Bürgel, in: Bonner Jahrbücher 157, 1957, S. 294-304; S. Stein, Viehhaltung, Jagd und Fischfang im ‚Haus Bürgel’, einem spätantiken Kastell am Niederrhein, München 2000; H. G. Kirchhoff, Römisch-fränkische Kontinuität im Raum Dormagen und Zons, in: Blätter zur Geschichte von Zons und Stürzelberg 10, 2005, S. 41-50; P. Tutlies, Das römische Haus Bürgel und sein Weiterbestehen bis in unsere Zeit, in: Blätter zur Geschichte von Zons und Stürzelberg 3, 1985, S. 76-86.

[6] R. Strasser, Die Veränderungen des Rheinstromes in historischer Zeit. Band 1. Zwischen der Wupper- und der Düsselmündung (= Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde, 68), Düsseldorf 1992, S. 44-52.

[7] F. Hinrichs, Geschichte der Monheimer Höfe, o. O. 1959.

[8] J. Auler, Renier Roidkin. Werke zu Zons und Haus Bürgel um 1735, in: Rheinische Heimatpflege 3, 1999, S. 211-217.

[9] K. Flinspach, Die Urdenbacher Kämpe bei Düsseldorf (= Rheinische Landschaften 37), Neuss 1991.